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Dokumentation: „Fragen statt Hinterfragen“ - Fachtag Trans*Gesundheit in Potsdam

Am 15. Oktober 2025 veranstaltete Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. einen Fachtag zur gesundheitlichen Versorgung junger trans* Personen im Land Brandenburg. Ziel des Fachtages war es, das medizinische Personal im Land durch Informationen und Wissensvermittlung bei der medizinischen Versorgung und Beratung von trans* Kindern und Jugendlichen und deren Sorgeberechtigten zu unterstützen sowie Raum für Austausch und Vernetzung zu geben.

Sharepic Fachtag Trans*Gesundheit

Bereits in den Fachvorträgen von Prof. Dr. med. Georg Romer, Universitätsklinikum Münster, und Dr. med. Klaus-Peter Liesenkötter, endokrinologikum Berlin, wurde deutlich, dass die Fertigstellung der AWMF-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung (S2k), die in Zusammenarbeit mit 26 Fachgesellschaften über mehrere Jahre entwickelt wurde, ein Meilenstein war, um den Paradigmenwechsel von der im ICD-11 vollzogenen Entpathologisierung von Geschlechtsinkongruenz in die Versorgung von jungen trans* Personen zu übertragen.

Nach einer inhaltlichen Auseinandersetzung und fachlichen Einordnung der S2k-Richtlinie hatten die Teilenehmenden im Rahmen einer Fishbowl-Diskussion den Raum, ihre Fragen, Anmerkungen und Schwierigkeiten mit oder in Umsetzung der Richtlinie loszuwerden. Sowohl Prof. Romer als auch Dr. Liesenkötter, der Medizinische Dienst Berlin-Brandenburg, Kerstin Hübner, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Trans-Kinder-Netz e.V. sowie nicht zuletzt eine betroffene jugendliche Person standen Rede und Antwort.

Leitlinien der Diskussion waren:

  • Wie kann die medizinische, therapeutische und psychosoziale Versorgung und Beratung für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern im Land Brandenburg verbessert werden?
  • Welche Rahmenbedingungen braucht es für beteiligte Akteur*innen?
  • Was bedarf es politisch?

Deutlich wurden verschiedene Aspekte, die auf unterschiedlichen Ebenen adressiert werden müssen. Von bundesrechtlichen Änderungen im Sozialgesetzbuch über die Notwendigkeit von Fort- und Weiterbildungen zur Sensibilisierung und für einen Abbau von Unsicherheiten, über das Bilden von Lernnetzwerken und Qualitätszirkeln, den Erhalt von Unterstützungsangeboten bis hin zu konkreten Hinweisen für Familien. Herausgestellt wurde auch, dass Maßnahmen nicht allein in ehrenamtlichen Strukturen zu lösen sind und neben finanziellen Ressourcen auch kapazitiv leistbar sein müssen.

Stefan Pospiech fasste zusammen, dass es nun darum ginge, entsprechende Unterstützungsnetzwerke zu schaffen und auszubauen. Die wahrgenommene große Bereitschaft, sich mit der Begleitung und Versorgung von jungen trans* Personen zu beschäftigen, dürfe nicht an der großen Verunsicherung über die Rahmenbedingungen scheitern. Darum gelte es, die besprochenen Vorschläge und nächsten Schritte zu sortieren und an die entsprechenden Ebenen wie die Bundes- und Landesebene, die Fachgesellschaften sowie den Öffentlichen Gesundheitsdienst heranzutragen.

Der Fachtag hat gezeigt, dass noch viel zu tun bleibt, um die Situation für transidentitäre Kinder und Jugendliche nachhaltig zu verbessern. Darum bleibt es wichtig, Veranstaltungen und Räume für Vernetzung und Austausch zu diesem Thema auszurichten. Oder wie es ein jugendlicher Teilnehmender in einer Bitte an die Anwesenden zusammenfasste: „lieber fragen, statt hinterfragen“.

Eine Übersicht über die ersten Ergebnisse der Diskussionen finden Sie in dieser Grafik.


Die Veranstaltung wurde ausgerichtet von Gesundheit Berlin-Brandenburg, gefördert durch das Ministerium für Gesundheit und Soziales Brandenburg und in Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg.

Gesundheit Berlin-Brandenburg ist seit 2025 Träger der Fachstelle Gerecht:Behandelt, die sich dafür einsetzt, institutionelle, strukturelle und interpersonelle Diskriminierung abzubauen.

Zum Hintergrund: Trotz rechtlicher Gleichstellung erleben LSBTIQ* Brandenburger*innen noch immer in nahezu allen Lebensbereichen Ausgrenzung, so auch in der gesundheitlichen Versorgung. Hiervon sind insbesondere trans*- und intergeschlechtliche sowie nicht-binäre Menschen betroffen. Besonders problematisch ist dabei die Situation von jungen trans*Personen. Im Hinblick auf die im Kontext von Transgeschlechtlichkeit erwogenen medizinischen und therapeutischen Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen ist vor allem ein informationsgeleitetes und interdisziplinäres Vorgehen notwendig. Im März 2025 erschien die Neufassung der S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz (GI) und Geschlechtsdysphorie (GD) im Kindes- und Jugendalter. Ziel der Leitlinie, die neben Deutschland auch in Österreich und der Schweiz Gültigkeit besitzt, ist eine qualitätsgesicherte Versorgungspraxis in einem Feld, in dem nach wie vor große Unsicherheiten vorherrschen.